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TO BE SEEN. queer lives 19OO–195O

Die Ausstellung erzählt von der Vielfalt queeren Lebens, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland existierte und zwischen 1933 und 1945 zerstört wurde.



7. Okt. 2022 bis 21. Mai 2023 | NS-Dokumentationszentrum München, Max-Mannheimer-Platz 1, 80333 München | nsdoku.de



Um 1900 erlangen queere Menschen im öffentlichen Leben immer mehr Sichtbarkeit – in Kunst, Kultur, Wissenschaft und Politik. Die traditionellen Rollenbilder von Mann und Frau werden in Frage gestellt. Der gesellschaftliche Umgang mit Sexualität wird offener. Homosexuelle Frauen und Männer, trans* und nicht-binäre Personen erzielen mit ihrem Kampf für gleiche Rechte und Akzeptanz erste Erfolge: Sie organisieren sich und treten selbstbewusst für die wissenschaftliche und gesetzliche Anerkennung ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität ein.

___ Aufnahme von Lili Elbe, Paris 1926. Lili Elbe wurde durch ihre Geschlechtsangleichung weit bekannt. Sie war eine wichtige Persönlichkeit der damaligen queeren Szene Berlins. | © Man into Woman, An Authentic Record of a Change of Sex, London: Jarrolds, 1933

Sie treffen sich öffentlich, gründen Zeitschriften und Vereine. Mit neuen, eigenen Begriffen beschreiben sie ihre Identität und Zugehörigkeit. Urning, lesbisch, Freundin, Bubi, homosexuell: Schon vor über 100 Jahren gibt es viele Bezeichnungen für das, was wir heute queer nennen. Doch mit der Sichtbarkeit wachsen auch die gesellschaftlichen und politischen Widerstände. Die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 ist ein prägender Einschnitt für queere Menschen – ihre Subkultur wird weitgehend zerstört. In den Nachkriegsjahren hält die Diskriminierung an.

___ Polizeifoto von Liddy Bacroff, aufgenommen nach einer Festnahme im Jahr 1933. Bacroff lebte von Sexarbeit und wurde mehrfach verhaftet und verurteilt. 1943 wurde Bacroff im KZ Mauthausen ermordet. | © Staatsarchiv Hamburg

Auch Jahrzehnte später ist die Geschichte von LGBTIQ* kaum erinnert oder archiviert. Mit historischen Zeugnissen und künstlerischen Positionen von damals bis in die Gegenwart zeichnet TO BE SEEN queere Lebensentwürfe und Netzwerke, Freiräume und Verfolgung nach.

___ Alexander Sacharoff, ca. 1914. Der androgyne Tänzer schuf neue Körperbilder und entwickelte den Kleidertausch zu einem eigenen Bühnengenre. | © Deutsches Theatermuseum München

[Q]ueerness exists for us as an ideality that can be distilled from the past and used to imagine a future.

José Esteban Muñoz, Queer-Theoretiker, 2009

„Queer“

„Queer“ bezeichnet ursprünglich alles, was sich nicht in gängige Kategorien einordnen lässt. Das englische Wort queer („seltsam, abweichend, verdächtig“) war ursprünglich ein abwertender Ausdruck für Homosexuelle. Seit den 1990er Jahren wird queer von vielen nicht-heterosexuellen und non-binären Menschen als positive Selbstbezeichnung verwendet. Im Rahmen der Ausstellung wird queer als Sammelbegriff für eine Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten und Praktiken benutzt, die von heterosexuellen Vorstellungen abweichen. Queer sind vor allem, aber nicht nur LGBTIQ* – also lesbische, schwule, bisexuelle, trans* sowie inter* Personen. Darüber hinaus kann „Queering“ auch als Praxis verstanden werden, verschiedene Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung zu bekämpfen. Übertragen auf die Themen Geschlecht, Sexualität und Identität bedeutet es, einen kritischen Blick auf jene Weltanschauung zu werfen, die heterosexuelle Zweierbeziehungen als soziale Norm begreift. Die starre binäre Geschlechterteilung in Mann und Frau und damit verbundenen Rollenbilder werden hinterfragt. In der Ausstellung werden historische Selbstbezeichnungen verwendet, die durch Quellen nachgewiesen sind.

Selbstermächtigung

Im Deutschen Kaiserreich werden Politik, Wirtschaft und Gesellschaft von Männern bestimmt. Die über Jahrhunderte von Staat und Kirche festgeschriebene Geschlechterordnung ist strikt zweigeteilt: Männern und Frauen sind eindeutige Rollen zugewiesen, innerhalb derer sie sich zu bewegen haben. Menschen, die diesen Rollenbildern nicht entsprechen und geschlechtliche und sexuelle Identitäten jenseits der normierten Ordnung leben, werden ausgegrenzt. Sie gelten als sittenlos, verbrecherisch oder krank. Nach § 175 des Strafgesetzbuchs des Deutschen Reichs von 1871 sind sexuelle Handlungen zwischen Männern verboten und werden mit Gefängnis bestraft. In Österreich ist auch Sex zwischen Frauen strafbar.

___ Der Freundling oder die neuesten Enthüllungen über das dritte Geschlecht, hrsg. von August Fleischmann, 1902 | © Forum Queeres Archiv München e. V.

Doch es gibt Einzelne, die gegen die herrschende Geschlechterordnung aufbegehren und für eine offenere Gesellschaft eintreten. Sie wenden sich gegen die Ächtung von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit, setzen sich für eine Änderung des Strafrechts ein und engagieren sich selbstbewusst für die Anerkennung ihrer Lebensweisen. Neue Allianzen und Selbstbilder entstehen. Viele dieser Vorreiter*innen zahlen einen hohen Preis für ihr Aufbegehren: Sie verlieren ihren Arbeitsplatz, ihre Familie oder Freundschaften und werden gesellschaftlich isoliert.

___ Musik: Claire Waldoff, Raus mit den Männern aus dem Reichstag, 1928 Gemälde: Emil Orlik, Porträt von Claire Waldoff, um 1930 | © Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin Design: © Studio Erika

Begegnen, bewegen – Banden bilden

Bars und Clubs, Zeitschriften, Organisationen, private oder öffentliche Orte: Seit der Jahrhundertwende und insbesondere in den 1920er Jahren entstehen queere Subkulturen und Netzwerke. Gemeinsam werden politische Ziele formuliert. Kommuniziert wird über eigene Codes, Chiffren und Symbole.

___ Aufnahme vermutlich während der Dreharbeiten zum Film „Anders als die Andern“, 1919 | © Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin

Der öffentliche Raum ist weiterhin vor allem Männern vorbehalten – heterosexuellen, weißen und christlichen Männern. Doch die Erfahrung, gegen alle gesellschaftlichen Widerstände eigene Räume zu erobern, sich zu verbinden und gemeinsam in die Öffentlichkeit zu treten, führt zu einem erstarkenden Selbstbewusstsein queerer Szenen.

Dabei wird nicht nur für jeweils eigene Interessen gekämpft; es werden auch politische Bande geknüpft und über Differenzen hinweg Koalitionen gebildet. Visionen für eine Gesellschaft mit gleichen Rechten für alle Menschen werden entworfen, und bestehende Herrschaftsstrukturen in Frage gestellt. Aber auch innere Konflikte treten zutage, und nicht alle queeren Vereinigungen ziehen an einem Strang.

___ Trans* Personen im Eldorado in Berlin, 1926 | © bpk

Nicht gesehen, nicht erkannt zu werden, unsichtbar zu sein für andere, ist wirklich die existentiellste Form der Missachtung.

Carolin Emcke, Autorin und Journalistin, 2019

§ 175 des Reichsstrafgesetzbuchs

Auszug: „175: Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“

Nach § 175 des Reichsstrafgesetzbuchs ist Geschlechtsverkehr zwischen Männern strafbar. Diese Bestimmung stammt aus dem preußischen Gesetzbuch und wird mit der Gründung des Deutschen Reichs 1871 in ganz Deutschland eingeführt. Zuvor ist Homosexualität nach dem Vorbild Frankreichs in einigen deutschen Ländern straffrei, so in Bayern, Württemberg und Baden. Der Paragraf ist von Beginn an umstritten: Kirchlich-konservative und extrem rechte Parteien fordern seine Verschärfung, Liberale, Sozialdemokraten und Kommunisten seine Abschaffung.

Organisationen und die Eroberung des öffentlichen Raums

Schwule Männer schließen sich ab Ende des 19. Jahrhunderts zusammen, um gegen die Strafverfolgung aufgrund von § 175 anzugehen. Sie gründen Vereine und Verbände und suchen Unterstützer*innen, um ihre Vision einer offeneren Gesellschaft zu verwirklichen. Berlin ist das Zentrum dieser Bewegung und entwickelt sich zu einem wichtigen Anziehungspunkt für queere Menschen. 1897 wird dort das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee gegründet, das die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung homosexueller und trans*identer Menschen erreichen will.

___ Aufklärungsschrift „Was soll das Volk vom dritten Geschlecht wissen!“, 1901 | © Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin

Einzelne Aktivistinnen der Frauenbewegungen schließen sich diesem Kampf an, besonders als 1909 die Ausweitung von § 175 auf Frauen diskutiert wird. Ihr Ziel ist eine weitreichende Sexual- und Sozialreform: das Recht der Frau auf sexuelle Selbstbestimmung, auf Abtreibung, auf außereheliche Beziehungen und Unabhängigkeit vom Mann. Einige Frauenrechtlerinnen leben mit anderen Frauen zusammen, jedoch nur wenige exponieren sich als lesbische Paare.

In der Weimarer Republik blühen queere Subkulturen auf. Eine vielfältige Vereinslandschaft entsteht, die die Interessen von Schwulen, Lesben und trans* Personen vertritt. Der Kampf gegen § 175 ist jedoch nicht immer gleichbedeutend mit dem Eintreten für eine offene Gesellschaft. Unter den schwulen Aktivisten gibt es auch solche, die einem homoerotischen Männerkult huldigen. Sie schließen neben Frauen all diejenigen aus, die nicht ihrem maskulinen, zum Teil rassistisch geprägten Heldenideal entsprechen.

___ Die 1896 von Adolf Brand gegründete Zeitschrift „Der Eigene“ ist das am längsten herausgegebene Homosexuellenblatt. Mit seinen literarisch-künstlerischen Beiträgen beschwört es das Bild heroischer Männlichkeit. 1926 | © Schwules Museum, Berlin

Kampf gegen § 175: das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee

Der aus liberalem jüdischem Elternhaus stammende Mediziner Magnus Hirschfeld (1868–1935) beginnt Ende des 19. Jahrhunderts, sich aktiv für die Abschaffung von § 175 einzusetzen. Anlass für sein Handeln ist der Verfolgungsdruck, dem schwule Männer ausgesetzt sind. Als Sexualreformer und Gründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees kämpft er gegen die herrschende rigide Sexualmoral und trägt ganz wesentlich zur Sichtbarkeit queerer Menschen bei.

___ Magnus Hirschfeld, um 1900 | © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Magnus Hirschfeld bedient sich in seiner Aufklärungsarbeit moderner Mittel. Unter seiner Beteiligung entsteht 1919 das Stummfilm-Drama „Anders als die Andern“. Es gilt als erster Film, der sich offen mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzt. Von konservativer und rechtsextremer Seite heftig und teils mit antisemitischer Stoßrichtung skandalisiert, wird der Film zum Anlass genommen, die nach der Revolution von 1918 eingeführte Kunstfreiheit wieder zu beschneiden. Nach einem guten Jahr Spielzeit wird der Film 1920 durch die Zensur verboten, fast alle Kopien werden vernichtet.



Ausschnitt aus „Anders als die Andern“, 1919 | © UCLA Film & Television Archive



„Anders als die Andern“ handelt von einem Musiker, der wegen homosexueller Handlungen erpresst wird. Als er sich nicht mehr zu helfen weiß und Anzeige erstattet, wird nicht nur der Erpresser verurteilt, sondern auch er selbst – wegen Verstoßes gegen § 175. Er zerbricht an dem Urteil und nimmt sich das Leben. Am Grab des Musikers tritt Magnus Hirschfeld auf und fordert eindringlich, die Rechte von Homosexuellen anzuerkennen.

Man muß, wenn einem ein Recht vorenthalten wird[,] kämpfen und nicht nachgeben; das ist eine sittliche Pflicht.

Joseph Schedel zur Eröffnung der ersten Sitzung des Wissenschaftlich-humanitären Comitees München, 24. September 1902

Treffpunkte

In den 1920er Jahren entwickelt sich eine lebendige Szene für Homosexuelle und trans* Personen. Vor allem in den Großstädten entsteht eine Reihe von Vereinslokalen, Bars und Clubs, die als Treffpunkte dienen. Unangefochtener Mittelpunkt queeren Lebens ist Berlin. Die Polizeibehörden verfolgen dort seit Ende des 19. Jahrhunderts einen liberaleren Kurs als andernorts. Nahezu 200 subkulturelle Orte sind zwischen 1919 und 1933 in der Reichshauptstadt nachgewiesen, davon rund 80 für lesbische Frauen.

´____ Foto: Das Eldorado in der Motzstraße, Berlin 1932 | © Bundesarchiv Musik: „Das lila Lied“ von Kurt Schwabach und Arno Billing, gesungen im Damenclub Violetta, Berlin 1921

Im konservativen München gibt es, wie in kleineren Städten und im ländlichen Raum, nur einzelne Lokale. Homosexuelle Männer sind wegen der anhaltenden strafrechtlichen Verfolgung auf informelle Treffpunkte angewiesen. Sie nutzen öffentliche Parks und Toiletten („Klappen“), um Kontakte zu knüpfen oder Sex zu haben. Dabei laufen sie stets Gefahr, polizeilich kontrolliert und angezeigt zu werden.

___ Anzeige des Schwarzfischer, in: Das Dritte Geschlecht, 1931/4 | © Stadtarchiv München

Zeitschriften und informelle Netzwerke

Zeitschriften sind ein wichtiges Kommunikationsmittel der queeren Subkulturen. Sie verweisen auf einschlägige Lokale, Buchhandlungen und Vereinigungen und dienen als Kontaktbörsen. Vor allem für queere Menschen im ländlichen Raum, wo es keine funktionierenden Netzwerke gibt, sind diese Hinweise und Möglichkeiten essenziell. Allerdings müssen die Herausgeber*innen jederzeit mit dem Verbot ihrer Druckerzeugnisse rechnen. Nicht selten werden ganze Auflagen oder Jahrgänge als „Schund- und Schmutzschriften“ gekennzeichnet und beschlagnahmt.

___ Zeitungsstand am Potsdamer Platz mit Szenezeitschriften, 1926 | © Landesarchiv Berlin

Um polizeilicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ausgrenzung zu entgehen, bedient sich die Szene eigener sprachlicher Codes. Tarnbezeichnungen wie „Freund“, „Freundin“, „ideale Freundschaft“, „freundschaftlicher Gedankenaustausch“ oder „idealgesinnt“ verweisen auf lesbische und schwule Zusammenhänge. Kontaktanzeigen in einschlägigen Zeitschriften sind vor allem in kleineren Städten und auf dem Land oft die einzige Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden.

___ Historische Zeitschriften „Die Freundschaft“ (1926), „Das 3. Geschlecht“ (1931) und „Die Freundin“ (1929) | © Forum Queeres Archiv München

Wissen, Diagnose, Kontrolle

Um 1900 wächst das Interesse an Sexualität und Geschlecht in der Wissenschaft. Die Zahl sexualwissenschaftlicher Forschungen und Veröffentlichungen steigt. In den meisten Schriften werden Homosexualität oder Transidentitäten als „krankhafte“ Zustände beschrieben. Diese Annahme ist inzwischen wissenschaftlich widerlegt. Daneben entstehen damals auch wegweisende Theorien, beispielsweise das Modell der „sexuellen Zwischenstufen“ von Magnus Hirschfeld. Der Sexualwissenschaftler nimmt darin die spätere Erkenntnis vorweg, dass es neben Mann und Frau zahlreiche andere Geschlechtsidentitäten gibt.

___ Erster Kongress für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage, 1921, aus: Magnus Hirschfeld, Geschlechtskunde, Bd. 4 | © Forum Queeres Archiv München

Wissen bedeutet damals wie heute jedoch auch Macht und Kontrolle. Menschen werden als Patient*innen untersucht, beschrieben, eingeordnet und beurteilt. Einige Sexualwissenschaftler*innen nehmen in ihre Forschungen biologistische und eugenische Vorstellungen auf. Diese werden quer durch die Gesellschaft vertreten und spielen später für die Nationalsozialist*innen eine zentrale Rolle: Ihre sogenannte „Rassenhygiene“ unterscheidet zwischen „wertem“ und „unwertem“ Leben.

___ Die Zwischenstufenwand im Institut für Sexualwissenschaft veranschaulicht Hirschfelds Theorie, dass alle Menschen männliche und weibliche Anteile in sich tragen. | © akg-images

Das Geschlecht des Menschen ruht viel mehr in seiner Seele als in seinem Körper, oder, um mich einer medizinischen Ausdrucksweise zu bedienen, vielmehr im Gehirn als in den Genitalien.

Magnus Hirschfeld, Sexualwissenschaftler, 1907



Frühe Sexualwissenschaft

Die Sexualwissenschaft entwickelt sich im 19. Jahrhundert zu einer eigenständigen multidisziplinären Wissenschaft außerhalb der Universitäten. In diesem neuen Bereich arbeiten Fachleute aus Medizin und Biologie ebenso wie Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen. Sie vertreten teils gegenläufige Theorien, die oft auch politisch aufgeladen sind.

___ In ihrem „ärztlichen Ratgeber für die Frau“ (1897), plädiert Hope Bridges Adams Lehmann, Gynäkologin und eine Pionierin der Sexualwissenschaft, für ein partnerschaftliches Zusammenleben der Geschlechter und für ein neues Verhältnis zur Sexualität. | © Bayerische Staatsbibliothek München

Wichtige Impulsgeber im deutschsprachigen Raum sind ab den 1860er Jahren der Jurist und Arzt Karl Heinrich Ulrichs und der Mediziner Richard von Krafft-Ebing. Insbesondere Ulrichs kämpft für die Entkriminalisierung und Anerkennung der Homosexualität. Seine Erkenntnisse über die Vielfalt von Sexualität und Geschlecht sind bis heute grundlegend. Andere Wissenschaftler begreifen das „dritte Geschlecht“ als krankhafte Erscheinung und wollen mit teils fragwürdigen Methoden eine „Umerziehung“ und „Heilung“ der Patient*innen bewirken. Oft sind körperliche oder psychische Traumata die Folge.

___ © Studio Erika

Das Institut für Sexualwissenschaft und seine Patient*innen

Magnus Hirschfeld ist der bekannteste Vertreter der Sexualwissenschaft im deutschsprachigen Raum. Er verbindet das Streben nach Emanzipation und die wissenschaftliche Perspektive, er ist Vorkämpfer der Entkriminalisierung und Mediziner zugleich. Sein 1919 in Berlin gegründetes Institut für Sexualwissenschaft wird zum Zentrum der linksliberalen Sexualreformbewegung der Weimarer Republik. Neben Forschung und medizinischer Beratung betreibt das Institut eine Bibliothek, ein Archiv und ein Museum. Anders als konservative Sexualwissenschaftler*innen wirken Hirschfeld und seine Mitarbeiter*innen auf Selbstakzeptanz Homosexueller und trans* Personen hin.

___ Unter dem Titel „Transvestiten vor dem Eingang des Instituts für Sexualwissenschaft“ veröffentlichte Fotografie, Berlin 1921 | © bpk / Kunstbibliothek, SMB, Foto: Willy Römer

In dieser „Adaptionstherapie“ oder „Milieutherapie“ sollen sich die Personen an das queere Milieu anpassen, das ihnen entspricht, anstatt sich zu verbiegen. Viele wichtige Personen aus der Szene, wie zum Beispiel Lili Elbe, werden hier behandelt. Homosexuelle Schriftsteller wie André Gide oder Christopher Isherwood sind zu Gast. Auch Menschen, die man heute als intergeschlechtlich bezeichnen würde, werden beraten. Schon früh stören sich die Nationalsozialist*innen an der liberalen Sexualwissenschaft, Hirschfeld und seinem Institut. Wie Hirschfeld sind viele der Mitarbeitenden jüdisch. 1933 zerstören nationalsozialistische Student*innen und SA-Leute das Institut, Hirschfeld befindet sich zu dieser Zeit auf Weltreise und bleibt im Exil in Frankreich.

___ Gerda Wegener, Porträts von Lili Elbe, 1920er Jahre | © Wikimedia Commons / Centre Pompidou Paris

Das Institut entwickelt sich zum Zufluchtsort für „Transvestit*innen“. So werden damals unter anderem Menschen genannt, die wir heute als trans* Personen verstehen. Einige von ihnen wohnen im Institut und verdienen dort ihren Lebensunterhalt. Gerade sie stehen in einer großen Abhängigkeit zum Institut. Trotz der großen Verdienste ist das Verhältnis zwischen Mediziner*innen und „Patient*innen“ am Institut aus heutiger Sicht nicht unproblematisch.

___ Ausschnitt aus dem Film „Mysterium des Geschlechts“ von Lothar Golte/Carl Kurzmayer, Österreich 1933 | © Filmarchiv Austria

Indem Hirschfeld und seine Mitarbeiter*innen zwischen queeren Personen und staatlicher Macht vermitteln, können sie ihre „Patient*innen“ einerseits schützen und für sie mehr Rechte und Freiräume erstreiten. Doch dazu kooperieren sie mit Polizei und Gerichten und ermöglichen den staatlichen Institutionen so Zugriff und Kontrolle. Damals wie heute werden inter* und trans* Menschen nur selten als Expert*innen ihrer selbst wahrgenommen und sind auf die Anerkennung durch Medizin und Justiz angewiesen. Damit geht ein wissenschaftlicher und staatlich-regulierender Blick auf ihre Körper einher, der sie in die Rolle von Patient*innen, also fremdbestimmter Objekte drängt, anstatt ihnen Autonomie über ihren Körper sowie eine eigene Stimme zuzugestehen.

____ Ab 1900 werden „Transvestitenscheine“ von Ärzt*innen ausgestellt, die amtlich bestätigen, dass eine Person als „Männerkleidung tragend“ oder „Frauenkleidung tragend“ bekannt ist. | „Transvestitenschein“ für Gerd Katter, 1928 | © Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Charlotte Wolff - Sexualwissenschaft im Exil

In der von Männern dominierten Sexualwissenschaft werden weibliche Homosexualität und Bisexualität wenig beachtet. Eine Ausnahme bildet die Forschung von Charlotte Wolff (1897–1986). Die Medizinerin stellt das Thema ins Zentrum ihrer Arbeit. Ab 1933 geraten linke, jüdische und offen lesbische Frauen in Deutschland zunehmend ins Visier der Nationalsozialist*innen. 1933 emigriert die jüdische Ärztin zunächst nach Paris, 1936 nach London. Ihre Forschung zu lesbischer Sexualität und Bisexualität tragen ihr ab den 1960er Jahren internationale Anerkennung ein.

___ Charlotte Wolff, Bisexualität, deutsche Ausgabe von 1981 | © NS-Dokumentationszentrum München

Körper fühlen, Bilder sehen

Zeitgleich zu den Entwicklungen in der Sexualwissenschaft finden neue Vorstellungen von Körper, Geschlecht und Intimität ihren Ausdruck in Kunst und Kultur. Literatur, Theater, Film und Bildende Kunst bieten die Möglichkeit, geschlechtliche Stereotypen infrage zu stellen und neue Körper- und Rollenbilder zu entwerfen. Diese dienen als Basis für die Imagination freierer Lebensweisen und legen den Grundstein für das, was wir heute als queere Ästhetik wahrnehmen.

___ Die bisexuelle Tänzerin Anita Berber konfrontiert das Publikum mit Tabuthemen wie Homoerotik, Nacktheit und Drogenkonsum, um 1925 | © Stiftung Stadtmuseum Berlin - Archiv Deutsche Staatsoper

Während der Artikel 142 der Weimarer Reichsverfassung weitgehende Kunstfreiheit verspricht, wird gleichzeitig eine Zensur für das neue Medium Film eingeführt. Gerade in München gibt es zahlreiche Verbote von Film- und Theateraufführungen, die als anstößig erachtet werden.

___ Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Josephine Baker versteht es, in ihrem Tanz auf rassistische und sexuell aufgeladene Stereotype hinzuweisen, um 1930 | © Alamy Stock

[S]ome queer artists dream in images, in defiance of the straight imagination. Their eyes desire narratives of loning and pleasure, free of trauma, with illuminations of relief. Through their pictures, other ways of existing are possible.

Antwaun Sargent, 2020 Autor und Kurator

Neue Körperbilder

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts experimentieren Künstler*innen mit neuen Darstellungen von Körperlichkeit. Sie entwerfen ein großes Spektrum möglicher Identitäten und Sexualitäten außerhalb der dominanten Kategorien. Sie unterlaufen binäre Vorstellungen von Geschlecht, sei es durch Doppeldeutigkeiten, geschlechtsneutrale Codes oder das Spiel mit androgynen Körperbildern.

___ Alexander Sacharoff, Pavane Fantastique, um 1916/17 | © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

1933 setzen die Nationalsozialist*innen dieser Vielfalt ein Ende. Avantgardistische Werke von Künstler*innen wie Hannah Höch oder Jeanne Mammen werden als „entartet“ diffamiert und beschlagnahmt, verboten oder zerstört. Stattdessen würdigt das Regime Künstler*innen wie Arno Breker, Leni Riefenstahl oder Josef Thorak, die traditionelle Geschlechterbilder in monumentalen Darstellungen verewigen. Diese Bilder unterstützen die völkischen Ideale des NS-Regimes und wirken bis lange in die Nachkriegszeit.

___ Hannah Höch vor ihrer Staffelei, Selbstporträt (Doppelbelichtung), 1930. Hannah Höch arbeitet in ihrer Kunst mit Klischees und Rollenbildern und prägt die Dada-Bewegung stark mit. | © akg-images



Liebende

In einer Zeit, in der schwule und lesbische Liebe fast ausschließlich im Verborgenen stattfinden kann, wird das Festhalten queerer Intimität innerhalb der Kunst zu einem politischen Bekenntnis. Die Bilder stellen einen Akt der Selbstbehauptung in einem diskriminierenden Umfeld dar. Sie entwerfen Utopien und alternative Realitäten, die ein Zusammensein ermöglichen – teils im Rückgriff auf die Antike, teils mit visionärem Blick auf zukünftige Formen des Liebens und Seins.

___ Gertrude Sandmann, Rosa Nachthemd und Schwarzer Pyjama, 1928 | © Anja Elisabeth Witte/Berlinische Galerie

Queere Texte

Zwischen 1900 und 1933 erscheinen viele literarische Texte und Zeitschriften, die den medizinischen und juristischen Diskurs über Geschlecht und Homosexualität begleiten. Sie reichen von erotischen Kurzgeschichten und Gedichten über fiktionalisierte Autobiografien bis hin zu Romanen.

___ Klaus Mann, Der fromme Tanz, 1925 | © Bayerische Staatsbibliothek München

Die Bühne als Ort der Utopien

In der Weimarer Republik entstehen in vielen Großstädten Varietés, Theater und Nachtlokale, auf deren Bühnen ein freier Umgang mit Sexualität und Geschlechteridentitäten möglich ist. Bühnenstars werden zu Identifikationsfiguren alternativer Geschlechterrollen, und der Kleidertausch auf der Bühne entwickelt sich zu einem eigenständigen Genre.

___ Tanzstudie von Alexander Sacharoff, 1912 | © Wikimedia Commons

Die oft als „golden“ bezeichneten 1920er Jahre sind für die meisten Menschen keineswegs von Wohlstand geprägt, auch wenn immer mehr Menschen Zugang zu Unterhaltungskultur haben. Kriegstraumata und wirtschaftliche Not wecken das Bedürfnis, den Sorgen des Alltags zu entfliehen.

Die Bars, Clubs und Varietés dieser Zeit sind für viele Menschen Orte, an denen sie mit alternativen Geschlechterbildern und Homosexualität in Berührung kommen und wo sich gesellschaftliche Debatten entzünden.

___ Der*die Trapez-Künstler*in Barbette feiert ab Mitte der 1920er Jahre in Europa große Erfolge, fotografiert von Dora Kallmus, ohne Jahr | © Nachlass Madame d´Ora, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Die vielen noch erhaltenen Starpostkarten von heute meist unbekannten Herren- und Damenimitator* innen erzählen von ihrer Beliebtheit. Hansi Sturm, Hilmar Damita, Orsano und Wilma Waldeck sind Berühmtheiten der Szene, die in ihren Shows mit Geschlechterrollen spielen und Konventionen auf den Kopf stellen – und das nicht nur vor queerem Publikum.

___ Starpostkarten von Damen- und Herrenimitator*innen, ca. 1900–1930 | © Schwules Museum Berlin

Leben in der Diktatur

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 ist jede Form queeren Lebens bedroht und nur noch in privaten Räumen oder an geheimen Orten möglich. Die Hoffnung auf eine stillschweigende Tolerierung von Homosexualität durch die Nationalsozialisten wird spätestens nach der Ermordung des homosexuellen SA-Stabschefs Ernst Röhm zerschlagen. Die Zeit der offenen Verfolgung beginnt.

Bei den ersten großen NS-Razzien gegen Homosexuelle am 20. Oktober 1934 werden allein in München 145 Männer verhaftet. § 175 des Strafgesetzbuchs wird im Juni 1935 verschärft: Jede sexuell konnotierte Handlung unter Männern ist nun strafbar.

___ Ernst Röhm und Adolf Hitler während des Reichsparteitags in Nürnberg, 1933 | © Bayerische Staatsbibliothek München/Bildarchiv

Etwa 57.000 homosexuelle Männer werden zu Haftstrafen verurteilt, circa 6.000 bis 10.000 von ihnen in Konzentrationslager verschleppt und mindestens die Hälfte davon ermordet.

Weibliche Homosexualität wird im Deutschen Reich nicht strafrechtlich verfolgt, jedoch gesellschaftlich geächtet. Werden lesbische Frauen und Personen, die sich nicht geschlechtskonform verhalten, denunziert, drohen ihnen polizeiliche Ermittlungen, Hausdurchsuchungen und Verhöre. Kommen politische Gegnerschaft, soziale Abweichungen oder rassistische Verfolgung hinzu, müssen sie mit Repressionen oder einer Internierung im Konzentrationslager rechnen

___ Der Grafiker Richard Grune war wegen seiner Homosexualität von 1934 bis 1945 fast durchgängig inhaftiert. Unmittelbar nach seiner Befreiung aus dem KZ verarbeitete er das Erlebte künstlerisch. | Richard Grune, Solidarität, Lithografie, 1945/46 | © Wien Museum

Because of my caring for another human being, we somehow never lost our dignity and remained people.

Margot Heumann, Holocaustüberlebende, 1992

Homosexualität in NS-Verbänden und beim Militär

Die Ächtung von Homosexualität wird von verschiedenen Seiten im politischen Kampf eingesetzt. 1931 / 32 instrumentalisieren die Sozialdemokraten Ernst Röhms Homosexualität, um der NSDAP zu schaden. Der Fall Röhm bedient die Vorstellung der sich in Männerbünden sammelnden „schwulen Nazis“, ein Phänomen, das durchaus existiert. Ab Mitte der 1930er Jahre geht das NS-Regime verstärkt gegen homosexuelle Aktivitäten in Wehrmacht, Polizei und NS-Verbänden vor. Innerhalb der Parteiorganisationen und der Polizei wird Intimität zwischen Männern jetzt besonders streng bestraft. Die nationalsozialistische Propaganda bezeichnet homosexuelle Männer als „Staatsgefährder“, um ihre Verfolgung zu legitimieren. Dennoch gibt es weiterhin versteckte homosexuelle Kontakte.

___ „So räumte der Führer auf!“, Titelseite der Extra-Ausgabe des Völkischen Beobachters, 30.6.1934, Berliner Ausgabe | © akg-images

Angepasst überleben

Nach der reichsweiten Zerschlagung der schwulen und lesbischen Subkulturen und der Verschärfung des Strafrechts finden homosexuelle Kontakte fast nur noch in Privaträumen statt.

Aus Angst vor Denunziation und Verfolgung versuchen die meisten Homosexuellen, ihre Sexualität zu verbergen und sich anzupassen.

___ Häftlingskarteikarte des KZ Natzweiler für Alexander (Bella) Pree, 1943. Pree würde heute vermutlich als inter* Person gelten. Sie selbst fühlt sich als Frau, ihr Pass weist sie als männlich aus. Sie wird in Österreich 1936 und 1942 wegen Verstoßes gegen des ‚Homosexuellen-Paragrafen‘ 129Ib verurteilt und 1942/43 im KZ Natzweiler kastriert. | © Arolsen Archives





Dies gilt auch für lesbische Frauen und trans* Personen, die an sich nicht strafrechtlich verfolgt werden. Sie können unbehelligt bleiben, solange sie nicht auffallen. Scheinehen sind eine von vielen Überlebensstrategien.

Einzelne prominente Künstler*innen werden trotz ihrer allgemein bekannten Homosexualität vom NS-Regime geduldet. Das Regime braucht diese Stars für seine Propaganda, verzichtet auf Verfolgung und verlangt dafür ein angepasstes Leben.

___ Schauspieler Gustaf Gründgens 1937 mit Marianne Hoppe, mit der er eine Scheinehe führte. 1952 adoptiert er seinen Lebensgefährten Peter Gorski – der einzige Weg für eine juristisch geschützte Bindung. | © Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl



Verfolgung und Haft

Der Umgang des NS-Regimes mit Homosexuellen und trans* Personen ist nicht einheitlich. Anfangs kommen die meisten der nach § 175 verurteilten Männer nach verbüßter Gefängnisstrafe wieder frei. Vor allem ab 1940 werden viele in KZs überstellt. Lesbischen Frauen und trans* Personen werden mitunter andere Straftaten zur Last gelegt: etwa Prostitution oder Erregung öffentlichen Ärgernisses. Nicht wenige werden aus politischen, sozialen oder rassistischen Gründen verfolgt.

____ Polizeifoto von Liddy Bacroff, 1933. Bacroff bezeichnet sich selbst als „homosexuellen Transvestiten“, lebte von Sexarbeit, wurde mehrfach verhaftet. 1943 wird Barcoff im KZ Mauthausen ermordet. | © Staatsarchiv Hamburg

In Gestapo-Haft und im KZ sind homosexuelle Männer Willkür und Gewalt ausgesetzt, nur wenige überleben. Auch einige lesbische Frauen und trans* Personen werden in KZs ermordet. Es gibt kaum Solidarität unter den Mithäftlingen, vor allem die Männer mit dem „Rosa Winkel“ werden geächtet. Mit diesem Symbol wurden tausende homosexuelle Männer im KZ gekennzeichnet. Hunderte Männer werden zur Kastration gezwungen. Zugleich kommt es zu sexueller Ausbeutung durch Wachen und Funktionshäftlinge. Die Überlebenden sprechen nach 1945 selten über ihre Verfolgung.

___ Tagebucheintrag von Elisabeth (Lilly) Wust zur Verschleppung ihrer jüdischen Lebensgefährtin Felice Schragenheim ins KZ Theresienstadt, 21.8.1944 | © Jüdisches Museum Berlin

Exil und Widerstand

Nur wenigen homosexuellen und trans* Menschen gelingt es, sich der NS-Verfolgung durch Emigration zu entziehen. Diese Möglichkeit steht meist nur Wohlhabenden offen oder jenen, die über internationale Kontakte verfügen und aufgrund ihrer Ausbildung und Sprachkenntnisse im Ausland Arbeit finden können. Die Ausreise aus Nazi-Deutschland wird durch die 1934 verschärften Maßnahmen gegen den Vermögenstransfer erschwert. Die „Reichsfluchtsteuer“ reduziert das Vermögen bei Ausreise um 25 Prozent, die Ausfuhr von Devisen wird verboten, die Übertragung von Bank- oder Wertpapierguthaben ist beinahe unmöglich.

___ Programmflyer des NS-kritischen Kabaretts „Die Pfeffermühle“ um Erika Mann und Therese Giehse, New York Januar 1937 | © Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Einzelne homosexuelle oder transidente Menschen entscheiden sich zu aktivem Widerstand gegen das NS-Regime, auch in den von Deutschland besetzten Gebieten. Sie klären über die Verbrechen des NS-Regimes auf, rufen zum Widerstand auf, leisten Sabotage, begehen Anschläge oder kämpfen als Partisan*innen oder Angehörige fremder Truppen gegen Hitler-Deutschland.

___ Die jüdische-französische Autorin und Fotografin Claude Cahun (1894–1954) leistet gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Widerstand gegen das NS-Regime, 1945 | © Jersey Heritage Collection

Nach 1945

Queere Geschichte wird nach 1945 kaum erinnert oder archiviert. Bis heute kennen wir nur einen Teil der Vorreiter*innen der queeren Emanzipationsbewegung. Noch weniger wissen wir über das Leben derjenigen, die verfolgt, ins Exil getrieben, ermordet wurden – oder einfach unsichtbar geblieben sind.

Nach Kriegsende werden queere Menschen weiter ausgegrenzt. Besonders schwule Männer leiden in großer Zahl weiter unter § 175. Viele von ihnen kommen nicht frei, sondern werden aus den Konzentrationslagern direkt in Gefängnisse überführt.

Die anhaltende Diskriminierung durch Staat und Gesellschaft ändert sich nur langsam. 1969 wird § 175 reformiert und das Strafrecht liberalisiert. Ab den 1970er Jahren entstehen neue soziale Bewegungen, darunter auch eine homosexuelle Emanzipationsbewegung. Einzelne Gruppen reklamieren den „Rosa Winkel“ als Symbol, um mit ihm für die Rechte queerer Menschen einzutreten.

Auch lesbische und feministische Gruppen gewinnen in den 1970er Jahren an Zuspruch. Obwohl lesbische Sexualität nicht direkt staatlich verfolgt wird, leiden viele unter der frauenfeindlichen Rechtslage. Die gesetzliche Besserstellung von Männern macht das Ausleben lesbischer Beziehungen durch Diskriminierungen im Arbeits- und Eherecht schwer.

Das Aufkommen von HIV in den 1980er Jahren trifft viele schwule Männer und trans* Menschen: Tausende infizieren sich, erkranken an AIDS und sterben. Der Staat hilft nicht, sondern setzt auf stigmatisierende Maßnahmen und eine aggressive Rhetorik der Ausgrenzung, vor allem in Bayern. Das lässt die Betroffenen an die zurückliegende Zeit der offenen Verfolgung denken.

Dank des Einsatzes von Aktivist*innen verbessert sich die gesundheitliche, politische und gesellschaftliche Situation von LGBTIQ* seit den 1990er Jahren. Heute können queere Menschen in Deutschland einige Errungenschaften feiern und sind auch politisch vertreten. Dennoch bleibt für die Gleichberechtigung von LGBTIQ* noch viel zu tun. An vielen Orten der Welt verschlechtert sich die Lage zunehmend wieder. Insbesondere trans* Personen sind nach wie vor großer Diskriminierung ausgesetzt.

Der Einsatz für queere Selbstbestimmung ist damit nicht vorbei, sondern aktueller denn je. Denn am Ende sorgt er nicht nur für die Wahrung von LGBTIQ*-Menschenrechten, sondern schafft eine gerechtere Gesellschaft für alle.



TO BE SEEN. queer lives 19OO–195O

7. Okt. 2022 bis 21. Mai 2023

NS-Dokumentationszentrum München, Max-Mannheimer-Platz 1, 80333 München | nsdoku.de



Ein Katalog zur Ausstellung erscheint im Februar 2023 im Hirmer Verlag. Er versammelt Texte und Kunstwerke aus der Ausstellung sowie Essays wichtiger Stimmen zur queeren Geschichte und Gegenwart aus wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektive. | Katalog jetzt vorbestellen