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Es war ein schöner Tag – wir wollten die Wiesn mit ihren bunten Lichtern sehen.

Robert Höckmayr (vormals Platzer)

Überlebender des Attentats auf dem Münchner Oktoberfest 1980























__ Tatort des Oktoberfestattentats in München, 26.09.1980 | © Werek/Süddeutsche Zeitung Photo





Rechtsterrorismus 1945 bis heute

Rechtsterrorismus ist eine stete Bedrohung, die die deutsche und internationale Geschichte begleitet.

Rechtsterroristische Gewalt richtet sich gegen einzelne Personen und Bevölkerungsgruppen und damit letztlich gegen die gesamte Gesellschaft. Rechtsterrorist*innen planen und begehen Angriffe, Anschläge und Morde. Ihre Absicht ist es, Staat und Gesellschaft zu schwächen und ein Klima der Angst zu erzeugen. Rechtsterrorismus gründet in einem rechtsextremistischen Weltbild. Einzelne Elemente dieser Ideologie sind gesellschaftlich weit verbreitet. Jeder einzelne Mensch kann solche Positionen im eigenen Umfeld zurückweisen, aufklären und sich mit den Opfern von Rechtsterrorismus solidarisieren.



Scrollytelling zur Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München | 18. April bis 28. Juli 2024 | Max-Mannheimer-Platz 1, 80333 München | nsdoku.de | Die Ausstellung wurde vom Memorium Nürnberger Prozesse kuratiert.

Die Ereignisse stehen exemplarisch für die seit 1945 begangenen rechtsterroristischen Anschläge weltweit. Wir möchten die Opfer, deren Angehörige und ihre Geschichten sowie alle Betroffenen von rechter Gewalt in den Mittelpunkt stellen. In unserem Storytelling haben wir ausgewählte Inhalte der vom Memorium Nürnberger Prozesse entwickelten Ausstellung Rechtsterrorismus. Verschwörung und Selbstermächtigung – 1945 bis heute erweitert und legen einen besonderen Fokus auf München.

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Terror gegen den demokratischen Staat

Rechtsterrorist*innen lehnen eine pluralistische Gesellschaft ab. Ihr Terror zielt darauf ab, den demokratischen Staat zu schwächen, der dieses Gesellschaftsmodell garantiert. Sie glauben, dass der Staat und seine Vertreter*innen die Interessen des ‚eigenen Volkes‘ nicht mehr vertreten. Deshalb greifen sie Politiker*innen oder Behörden gezielt an. Anlässe können eine offene Haltung gegenüber Geflüchteten sein oder die kritische Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen.

Politik und Öffentlichkeit haben Rechtsterrorismus oft nicht als solchen (an)erkannt und auf die rechtsterroristische Bedrohung nur zögerlich reagiert oder diese gar verharmlost.

26. September 1980, München

Oktoberfest-Attentat

Der zwölfjährige Robert Platzer besuchte am 26. September 1980 mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern das Oktoberfest. Die Familie war auf dem Weg nach Hause, als in wenigen Metern Entfernung eine Bombe explodierte. Robert Platzer, seine Geschwister Wilhelm und Elisabeth sowie seine Eltern überlebten die Explosion schwer verletzt. Seine jüngeren Geschwister Ilona und Ignaz jedoch kamen ums Leben. Sie wurden sieben und sechs Jahre alt.

In den Jahren darauf zerbrach die Familie an den Folgen des Anschlags. Seine Schwester Elisabeth nahm sich 1994 mit 24 Jahren, sein Bruder Wilhelm 2008 mit 42 Jahren das Leben. Robert Höckmayr hat bis heute 26 Metallsplitter in seinem Körper. Insgesamt wurde er 42 Mal operiert. Jahrzehntelang kämpfte er um Anerkennung und finanzielle Entschädigung.



___ Robert Platzer mit seiner Mutter Katharina und seiner Schwester Elisabeth, etwa 1979 | © Robert Höckmayr

Die mit mehr als 1,3 kg Sprengstoff gefüllte Mörsergranate explodierte um 22:19 Uhr in einem Papierkorb nahe des Haupteingangs des Oktoberfestes. Bei dem rechtsterroristischen Anschlag wurden 221 Menschen teils schwer verletzt. Zwölf Menschen überlebten das Attentat nicht:

Gabriele Deutsch, Robert Gmeinwieser, Axel Hirsch, Markus Hölzl, Paul Lux, Ignaz Platzer, Ilona Platzer, Franz Schiele, Angela Schüttrigkeit, Errol Vere-Hodge, Ernst Vestner, Beate Werner

Noch in der Tatnacht wurde der Tatort gereinigt und die Wiesn wurde am nächsten Morgen fortgesetzt. Bei den Ermittlungen legte sich die Polizei früh darauf fest, dass es sich bei dem Bombenleger um einen Einzeltäter ohne politischen Hintergrund handelte. Zeugenaussagen und Indizien deuteten jedoch schon damals auf mögliche Mittäter*innen und ein politisches Motiv hin.

___ Karte zum Gedenken an Ignaz und Ilona Platzer, 1980 | © Robert Höckmayr

Aufgrund anhaltender zivilgesellschaftlicher Forderungen und neuer Zeugenaussagen leitete der Generalbundesanwalt 2014 neue Ermittlungen ein. Nach einer fünfjährigen Untersuchung wurde festgestellt, dass der Attentäter aus rechtsextremer Motivation handelte. So sollte durch den Anschlag die Bundestagswahl 1980 zu Gunsten des CSU-Kandidaten Franz Josef Strauß beeinflusst und später ein ‚Führerstaat‘ errichtet werden.

Franz Josef Strauß, damals bayerischer Ministerpräsident, hatte Robert Platzer nach dem Anschlag im Krankenhaus besucht. „Im Krieg habe ich schon Schlimmeres gesehen“, erinnert er sich an Strauß‘ Worte.



__ Zum 40. Jahrestag des Attentats wurde die „Dokumentation Oktoberfest-Attentat“ eröffnet. Die Ausstellung informiert am Eingang der Theresienwiese über die Geschehnisse des 26.09.1980. | © Landeshauptstadt München / Kulturreferat











Der durch die Bombe ebenfalls getötete Täter war Mitglied der neonazistischen, 1994 verbotenen Wiking-Jugend und stand in Verbindung mit der Wehrsportgruppe (WSG) Hoffmann sowie anderen rechtsextremen Milieus. Die WSG Hoffmann gilt als Keimzelle oder Durchlaufstation des bundesdeutschen Rechtsterrorismus der 1970er Jahre. Ihre Mitglieder leugneten offen den Holocaust und zielten darauf, einen autoritären Staat zu errichten. Sie wurde 1980 verboten.

Trotzdem wurde das Attentat erst 2022 offiziell als rechtsterroristisch eingestuft. Viele Fragen zu möglichen Mittäter*innen sowie V-Leuten sind jedoch bis heute ungeklärt.

22. Juli 2011, Oslo und Utøya

Massaker in Norwegen

Am 22. Juli 2011 zündete ein norwegischer Rechtsterrorist eine Autobombe vor dem Sitz der sozialdemokratischen Regierung in der norwegischen Hauptstadt Oslo. Durch diesen Anschlag kamen acht Menschen ums Leben. Anschließend fuhr er auf die nahegelegene Insel Utøya und griff schwer bewaffnet ein Feriencamp der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Partei Arbeiderpartiet an. Dort ermordete der Attentäter 69 Menschen. Die meisten von ihnen waren Jugendliche.

In einem Strafprozess wurde der Attentäter zu 21 Jahren Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.



___ Luftaufnahme der Insel Utøya, 21.07.2011 | © picture alliance / dpa | Lasse Tur

Als Motiv für die Terroranschläge in Oslo und auf Utøya gab der Täter an, Norwegen gegen den Islam und einen vermeintlichen ‚Kulturmarxismus‘ verteidigen zu wollen.

Kurz vor den Anschlägen versandte er ein über 1500-seitiges ‚Manifest‘ an 1003 E-Mail-Empfänger*innen und stellte ein etwa zwölf Minuten langes Video online. Darin kündigte er eine christlich-fundamentalistische, antipluralistische ‚konservative Revolution‘ an, die sich gegen Zuwanderung und eine multikulturelle Gesellschaft richtete.





___ Foto: Regierungssitz in Oslo nach dem Bombenanschlag, 22.07.2011 | © picture alliance / Kamerapress.se | R4454 Video: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Eine Überlebende erinnert sich, 21.07.2021











Der Attentäter von Oslo und Utøya bezog sich 2012 vor Gericht unter anderem auf die 2011 aufgeflogene deutsche Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Die Attentate am Olympia-Einkaufszentrum in München (2016), auf zwei Moscheen in Christchurch in Neuseeland (2019) und auf die Synagoge in Halle (2019) orientierten sich an den Terroranschlägen von Oslo und Utøya und wurden von ihnen inspiriert.



1./2. Juni 2019, Kassel

Mord an Walter Lübcke

Der Regierungspräsident von Kassel, Walter Lübcke, wurde in der Nacht vom 1. zum 2. Juni 2019 auf der Terrasse seines Wohnhauses ermordet. Der als rechtsextrem bekannte Täter nannte vor allem Lübckes Einsatz für Geflüchtete als Motiv. Am 28. Januar 2021 verurteilte das Oberlandesgericht Frankfurt am Main den Attentäter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Der Mord löste eine anhaltende breite öffentliche Debatte in Deutschland aus, etwa über Versäumnisse der Sicherheitsbehörden, die Rolle rechtspopulistischer und in Teilen rechtsextremer Parteien wie der AfD bei der Radikalisierung des politischen Klimas und die unzureichende Strafverfolgung von Hasskriminalität in sozialen Netzwerken.



___ Demonstration bei der Urteilsverkündung im Lübcke-Prozess in Frankfurt, 2021 | © Hannes P. Albert/SZ-Photo









Walter Lübcke wurde wegen seines Engagements für Geflüchtete und Asylsuchende bereits seit 2015 in rechtsextremen Online-Foren und auf Kundgebungen massiv bedroht. Der Kasseler Regierungspräsident steht damit nicht allein: Immer wieder werden Kommunalpolitiker*innen und andere Inhaber*innen öffentlicher Ämter verbal und körperlich angegriffen und unter Druck gesetzt.

Der Mörder von Walter Lübcke hatte Kontakte zur rechtsextremen Szene in Hessen und Thüringen sowie zu Personen aus dem Umfeld des NSU und besuchte Veranstaltungen der AfD Hessen. Trotz vorhandener Anhaltspunkte für Mittäter*innen und Unterstützer*innen wurde er als Alleintäter verurteilt.



Personelle und ideologische Kontinuitäten

Rechtsterrorismus ist nicht nur ein Phänomen von heute. Er begleitet die Geschichte der Bundesrepublik seit ihren Anfängen. Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzte rechter Terror gegen die Siegermächte und die von ihnen eingerichteten Militärverwaltungen in Deutschland ein. Für ihre Anschläge wählten Rechtsterrorist*innen bekannte und symbolträchtige Ziele wie den Alliierten Militärgerichtshof in Nürnberg. Aber auch einzelne Vertreter*innen der vier alliierten Nationen sowie des demokratischen Deutschlands, Spruchkammern zur Entnazifizierung der Deutschen oder die Grenzanlagen zwischen Ost- und Westdeutschland wurden angegriffen.

Seit Ende der 1960er Jahre formierte sich parallel zum Linksterrorismus die rechtsterroristische Szene neu. Rechtsterroristische Gruppen wandten sich gegen Kommunismus und Amerikanismus und bekämpften die neue Ostpolitik der sozialliberalen Bundesregierung unter Willy Brandt. Rechtsextreme Vorfeldorganisationen wie der Bund Heimattreuer Jugend und die Wiking-Jugend, aber auch die NPD brachten spätere Rechtsterrorist*innen hervor. Sie sahen und sehen Gewalt als Mittel der Politik an.

In den Jahren nach der Wiedervereinigung gab es in Deutschland eine weit verbreitete rechtsextreme Jugendkultur. Vor allem in Ostdeutschland formierten sich gewaltbereite Neonazi-Gruppen. Heute bringt unter anderem die sogenannte ‚Reichsbürgerbewegung‘ Rechtsterrorist*innen hervor, die die freiheitlich demokratische Grundordnung gewaltsam beseitigen wollen.

Februar 1946, Nürnberg

Geplanter Anschlag auf den Internationalen Militärgerichtshof

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befürchteten die alliierten Siegermächte Anschläge auf das Justizgebäude in Nürnberg. Dort fand 1945/46 der ‚Hauptkriegsverbrecherprozess‘ gegen führende Repräsentanten des NS-Regimes statt.

Am 5. Juli 1946 berichtete die Berliner Zeitung Der Sozialdemokrat über einen von früheren SS-Angehörigen geplanten und von der Militärpolizei vereitelten Anschlag.

Zum Schutz des Internationalen Militärgerichtshofs wurden unter anderem die Fensterfronten des Justizpalasts mit schusssicheren Einbauten versehen. Auch der US-amerikanische Panzer M24 Chaffee kam zum Einsatz und sicherte den Bau.



___ Panzer mit Soldaten der US-Armee vor dem Ostbau des Nürnberger Justizgebäudes, 1946 | © National Archives and Records Administration, College Park, Maryland, RG 238 NT 181, Foto: U.S. Army Signal Corps



1982, deutschlandweit

Anschläge der Hepp-Kexel-Gruppe

In mehreren bundesdeutschen Städten kam es in den ersten Nachkriegsjahrzehnten zu Terroranschlägen von Gruppen und Personen, die die Entnazifizierung und Demokratisierung Deutschlands und die Westbindung der Bundesrepublik mit Gewalt verhindern wollten.

In den 1970er und 1980er Jahren richtete sich die Gewalt militanter rechtsextremer Gruppierungen insbesondere gegen in Deutschland stationierte US-Soldaten und ihre Einrichtungen. Eine der gefährlichsten Terrorgruppen war die Hepp-Kexel-Gruppe. Der Antiamerikanismus der Gruppe verband sich mit Racheplänen gegen die Sieger des Zweiten Weltkriegs. Nach der Zerschlagung der Gruppe tauchte einer ihrer Gründer mit Hilfe des Ministeriums für Staatsicherheit (MfS) der DDR im Nahen Osten unter. Im Auftrag des MfS bot er seine Dienste der Palästinensischen Befreiungsorganisation an, ehe er 1985 in Paris festgenommen und zwei Jahre später an die Bundesrepublik ausgeliefert wurde.



___ Bombenanschlag der Hepp-Kexel-Gruppe auf das Fahrzeug eines US-Soldaten in Butzbach, 14. Dezember 1982 | © picture alliance / ap | schiller

Terror gegen die Vielfalt

Rechtsterrorist*innen bedrohen Menschen, die sie als ‚nicht zugehörig‘ ansehen, massiv mit Gewalt. Diese Gewalt gründet in einer rassistisch-völkischen Weltsicht, derzufolge das ‚eigene Volk‘ zu schützen sei. Es müsse ‚rein‘ gehalten und von ‚fremden‘ Einflüssen bewahrt werden. Dabei werden Ängste vor ‚Überfremdung‘ geschürt und die kulturelle Vielfalt einer Gesellschaft aggressiv bekämpft.

Rechtsterrorist*innen fühlen sich dazu ermächtigt, brutal gegen eine vermeintliche ‚Zersetzung‘ eines Volks vorzugehen. Als nicht zugehörig betrachtete Menschen werden aufgrund ihrer Hautfarbe, vermuteten Herkunft, Ethnie oder Religion, aber auch aufgrund ihrer sozialen Stellung, ihres Sozialverhaltens, ihrer geschlechtlichen Identität, ihrer Sexualität oder ihrer körperlichen oder seelischen Verfasstheit ausgegrenzt, verfolgt oder gar getötet. Für sie ist diese menschenfeindliche Ideologie eine zentrale Gefahr in allen Lebensbereichen: in der Privatsphäre, bei der Arbeit, im öffentlichen und digitalen Raum.

Seit 2015 steigt die Zahl der Anschläge auf Geflüchtetenunterkünfte und Migrant*innen. Diese Welle der Gewalt erinnert an die 1990er Jahre, in denen rassistische Angriffe fast alltäglich waren.

7. Januar 1984, München

Brandanschlag auf die Diskothek Liverpool

Die Münchnerin Corinna Tartarotti war 20 Jahre alt, als sie am 27. April 1984 nach monatelangem Überlebenskampf ihren schweren Verletzungen erlag. Sie wurde Opfer eines Brandanschlags, den die rechtsterroristische Gruppe Ludwig auf die Diskothek Liverpool in der Schillerstraße 11a verübte. Mindestens sieben weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Insgesamt ermordete die Terrorgruppe von 1977 bis 1984 mindestens 15 Menschen, die meisten davon in Norditalien:

Guerrino Spinelli, 25.08.1977, Verona Luciano Stefanato, 19.12.1978, Padua Claudio Costa, 12.12.1979, Venedig Alice Maria Beretta, 20.12.1980, Vicenza Luca Martinotti, 24.05.1981, Verona Mario Lovato und Giovanni Pigato, 20.07.1982, Vicenza Armando Bison, 20.02.1983, Trient Giorgio Fronza, Ernesto Mauri, Pasquale Esposito, Elio Molteni, Domenico La Sala und Livio Ceresoli, 14.05.1983, Mailand Corinna Tartarotti, 07.01.1984, München



___ Corinna Tartarotti, Ausschnitt aus einem Klassenfotos aus einem Jahrbuch des Städtischen St.-Anna-Gymnasiums | © Städtisches St.-Anna-Gymnasium

Zunächst vermuteten die Münchner Ermittler und die Boulevardmedien die Attentäter*innen im Rotlichtmilieu, dem sie das Liverpool zurechneten.

Nach der Festnahme der beiden Haupttäter 1984 in Italien und aufgrund von Bekennerschreiben wurde klar, dass die Anschläge in Deutschland und Italien neonazistisch, sexualitäts- und queerfeindlich sowie sozialrassistisch motiviert waren. Sie richteten sich gegen vermeintlichen ‚Sittenverfall‘ und trafen Sexarbeiter*innen, Homosexuelle, Drogenkonsument*innen und Wohnungslose. Bei Polizei, Gericht und Medien herrschte allerdings das Bild von abgedrehten, psychisch kranken Täter*innen vor, die allein und ohne Unterstützer*innen handelten.



___ Die Diskothek Liverpool nach dem Brandanschlag, 1984 | © amw/SZ Photo













Der polizeiliche Umgang mit den Morden der Gruppe Ludwig erinnert an den mit der späteren Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Bei beiden Mordserien wurde ein rechtsextremer Hintergrund zunächst weitgehend ausgeschlossen und die ideologischen Bezüge zu Faschismus und Nationalsozialismus nicht weiterverfolgt. Stattdessen wurden die Täter*innen im Umfeld der Opfer gesucht. Die von rechtem Terror Betroffenen waren jahrelang falschen Beschuldigungen ausgesetzt, wurden stigmatisiert und kriminalisiert.

Wenn du mitbekommst, du wirst wegen deiner Herkunft so angegriffen, dann ist der erste Gedanke: Was soll ich denn noch hier? Ich habe mir so viel Mühe gegeben, ich bin ein Muster an Integration. Aber das war ja die Absicht dieser Leute. Im Nachhinein habe ich deshalb gedacht: Nein, jetzt erst recht! Ich lass mich mit Sicherheit nicht aus Deutschland rausjagen.

Zitat der Zeugin M.M. aus dem Protokoll des NSU-Prozesses, 4. Juni 2014

























___ Gedenkveranstaltung für Habil Kılıç in München ermordet am 29.08.2001 vom NSU, 2013 I © Alessandra Schellnegger/SZ-Photo

2000 bis 2007, deutschlandweit

Morde des NSU

Zwischen 2000 bis 2007 ermordete die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) mindestens zehn Menschen in mehreren deutschen Städten:

Enver Şimşek, 09.09.2000, Nürnberg Abdurrahim Özüdoğru, 13.06.2001, Nürnberg Süleyman Taşköprü, 27.06.2001, Hamburg Habil Kılıç, 29.08.2001, München Mehmet Turgut, 25.02.2004, Rostock İsmail Yaşar, 09.06.2005, Nürnberg Theodoros Boulgarides, 15.06.2005, München Mehmet Kubaşık, 04.04.2006, Dortmund Halit Yozgat, 06.04.2006, Kassel Michèle Kiesewetter, 25.04.2007, Heilbronn

Die Mörder*innen suchten sich ihre Opfer aufgrund rassistischer Kriterien aus und richteten sie an ihren Arbeitsorten hin. Bei ihren Ermittlungen der einzelnen Mordfälle schloss die Polizei jahrelang rechtsterroristische Motive aus und suchte vermeintliche Verbindungen der Ermordeten zur organisierten Kriminalität und zu anderen Delikten.



___ Porträts der Opfer des NSU, illustriert von Hendrik Jonas | © Hendrik Jonas

Für eine gründliche Aufklärung hätte man noch die Teppiche hochheben müssen, unter die so viel gekehrt wurde.

Yvonne Boulgarides

Witwe von Theodoros Boulgarides in ihrem Plädoyer am 8. Februar 2018 im Münchner NSU-Prozess

Im November 2011 enttarnte sich die Terrorgruppe selbst, zwei der Haupttäter erschossen sich. Ihre Komplizin stellte sich kurz darauf der Polizei. Ein Bekennervideo zeigte Details der Attentate. Es bewies, dass die Gruppe aus rechtsextremer und rassistischer Gesinnung gehandelt hatte und auch für mehrere Raubüberfälle und Sprengstoffanschläge verantwortlich war, bei denen weitere Menschen teilweise schwer verletzt worden waren.

Der Prozess vor dem Oberlandesgericht München dauerte fünf Jahre. Nach 438 Verhandlungstagen wurde die Haupttäterin 2018 zu einer lebenslangen Haftstrafe mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld verurteilt. Vier Mitangeklagte erhielten Haftstrafen zwischen zweieinhalb und zehn Jahren.



__ Demonstration am Tag der Urteilsverkündung im NSU-Prozess in München, 2018 | © Robert Haas/SZ-Photo













Viele Fragen der Überlebenden und Hinterbliebenen sind bis heute unbeantwortet. Die Vernetzung des NSU mit rechtsextremen Kreisen wurde kaum aufgedeckt, weitere Tatbeteiligte und ihre Unterstützer*innen vor Ort wurden nicht ermittelt. Ermittlungspannen und Fehler staatlicher Behörden bei der Bewertung der Mordfälle blieben ohne Konsequenzen.

22. Juli 2016, München

Attentat am Olympia-Einkaufszentrum

Am 22. Juli 2016 erschoss ein 18-jähriger Rechtsextremist am und im Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) sowie in einem Schnellrestaurant neun Menschen. Die Ermordeten waren zwischen 14 und 45 Jahren alt:

Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja Guiliano Kollmann, Hüseyin Dayıcık, Roberto Rafael, Sabine Sulaj, Selçuk Kılıç, Sevda Dağ

Wenig später tötete sich der Attentäter selbst.



__ Porträts der Opfer vom OEZ-Attentat am 22.07.2016 | © Initiative München OEZ erinnern!

Würden wir doch nur dem Menschen auf dieser Welt nicht das Klassifizieren, Bewerten und Unterteilen beibringen, sondern stattdessen Empathie. Vielleicht müssten wir dann nicht all das durchleben, was jetzt Realität ist.

Sibel Leyla

Mutter des ermordeten Can Leyla, 22. Juli 2022



___ Can Leyla besuchte eine Leistungssportklasse in München-Unterhaching. Er wollte Profifußballer werden. Als Grundschüler verfasste er diesen Brief an seine Familie mit den Worten: „Für Mama und Papa und Bruder. Ich liebe euch“. Can Leyla wurde am 22.07.2016 durch den rassistischen Anschlag in München getötet. Er wurde 14 Jahre alt. | © Familie Leyla, München, Memorium Nürnberger Prozesse, Foto: matthaeus photographer

Die Ermittlungsbehörden stuften die Tat zunächst als Amoklauf ohne politisches Motiv ein. Der Attentäter von München veröffentlichte vor dem Anschlag einen rassistischen Bekennertext. Gezielt tötete er Menschen, von denen er einen Migrationshintergrund annahm.

Erst auf anhaltenden Druck der Hinterbliebenen und deren Unterstützer*innen hin kam es 2019 zu einer Neubewertung der Tat. Seither gilt sie als rassistisch und rechtsextrem motiviert. Die Initiative München OEZ erinnern! setzt sich bis heute für die Erinnerung an den Terroranschlag am Olympia-Einkaufszentrum und an seine Opfer ein. Sie kämpft dafür, dass die Namen der neun Ermordeten nicht vergessen werden und ihr Schicksal ins Gedächtnis der Stadt eingeht.



___ Graffito in Erinnerung an die Ermordeten des Anschlags am OEZ vom 22.07.2016 unter der Brudermühlbrücke München, 2024 | © NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Connolly Weber Photography







































___ Am 6. Jahrestag des rechten Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum in München wurde gemeinsam an Armela, Can, Dijamant, Guiliano, Hüseyin, Roberto, Sabine, Selçuk und Sevda gedacht. | © Initiative München OEZ erinnern!













Der Attentäter stand über Online-Plattformen in engem Kontakt mit anderen Rechtsextremist*innen, unter anderem in den USA. Die Morde in München wurden am fünften Jahrestag der Anschläge in Oslo und Utøya begangen. Die Mordwaffe, die sich der Täter im Darknet besorgt hatte, glich der des norwegischen Attentäters. Auch hinterließ er, wie sein norwegisches Vorbild, ein Manifest, das voll von Hass auf Migrant*innen und rechtsextremer ideologischer Versatzstücke war.

Diese Tränen sind nicht für dich.

Sara Quasem Tochter des ermordeten Abdelfattah Quasem

während des Prozesses gegen den Attentäter von Christchurch am 16. August 2020



















___ Demonstration in München anlässlich des rechtsterroristischen Anschlags in Hanau, 19.02.2020 | © leo.fge/SZ-Photo

15. März 2019, Christchurch

Anschlag auf zwei Moscheen

Am 15. März 2019 griff der muslimhassende, rechtsextreme Attentäter schwerbewaffnet die Masjid-Al-Noor-Moschee und das Linwood Islamic Centre in Christchurch (Neuseeland) an, wo die muslimische Gemeinde zum Freitagsgebet versammelt war. Er ermordete 51 Menschen, 50 weitere verletzte er teilweise schwer. Das jüngste Opfer war drei, das älteste 71 Jahre alt:

Mucaad Ibrahim, Naeem Rashid, Talha Naeem, Haji Daoud Nabi, Muhammad Abdus Samad, Husna Ahmed, Khalid Mustafa, Hamza Mustafa, Junaid Ismail, Mohsen Al Harbi, Areeb Ahmed, Lilik Abdul Hamid, Muhammad Ata Elayyan, Jahandad Ali, Haroon Mahmood, Amjad Hamid, Osama Adnan Abukwaik, Muhammad Suhail Shahid, Abdelfattah Qassem, Ali Mah’d Abdullah Elmadani, Kamel Mohd Kamal Kamel Darwish, Maheboob Khokhar, Arif Mohamedali Vohra, Ramiz Arif Bhai Vora, Ansi Alibava, Ozair Kadir, Mounir Guirgis Soliman, Ahmed Gamal Eldin Mohamed Abdel Ghany, Ashraf el-Moursy Ragheb, Ashraf al-Masri, Matiullah Safi, Muhammad Zeshan Raza, Ghulam Hussain, Karam Bibi, Muse Awale, Abdukadir Elmi, Hussein al-Umari, Mohammed Imran Khan



___ Als der Attentäter von Christchurch vor Gericht gestellt wurde, erhielten Überlebende und Hinterbliebene die Möglichkeit, direkt zu ihm zu sprechen und ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, 26.08.2020 | © picture alliance / REUTERS | POOL New



Der Täter von Christchurch übertrug seine Tat mit einer Helmkamera live ins Internet, um sie möglichst weit zu verbreiten. Die neuseeländische Premierministern Jacinda Ardern unterlief diese Strategie, indem sie betonte: „Sie werden von mir niemals seinen Namen hören.“ Auch während des Prozesses wurde ihm kein Raum für die Verbreitung seiner menschenfeindlichen Ideologie gegeben.

In der politischen, juristischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung des Verbrechens von Christchurch standen die Opfer und deren Angehörige im Mittelpunkt.

Am 27. August 2020 wurde der Attentäter wegen Mordes zu lebenslanger Haft ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung verurteilt. Das war das erste Mal, dass die höchste Strafe verhängt wurde, die es in Neuseeland gibt.



___ Video: BBC News, 'I am close to forgiving the Christchurch gunman', 23.08.2020











Der Attentäter von Christchurch hatte Kontakte zur europäischen extremen Rechten wie der Identitären Bewegung (IB) in Österreich, der er einen größeren Geldbetrag spendete. Vor dem Anschlag veröffentlichte er ein Manifest mit dem Titel Der Große Austausch. Diese antimuslimische Propagandaparole der IB geht von einer angeblich geplanten Ersetzung der weißen westlichen Bevölkerungen durch muslimische Migrant*innen und die ‚Islamisierung des Westens‘ aus und ruft zum Kampf dagegen auf. Auf seiner Facebookseite hatte er zuvor ein Foto der Masjid-al-Noor-Moschee inmitten einer Collage von Gewalt-Memes und Bildern der Massenmörder von Norwegen und Oklahoma City gepostet.

Die Livestream-Übertragung des Attentats im Internet wurde später von anderen Tätern nachgeahmt.

19. Februar 2020, Hanau

Anschlag in Hanau

Am Abend des 19. Februar 2020 kamen durch einen rechtsterroristischen Anschlag in Hanau neun Menschen ums Leben, mindestens fünf wurden teils schwer verletzt. An mehreren Tatorten in der Stadt erschoss der Täter gezielt Menschen, die er nach rassistischen Kriterien auswählte: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar, Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov Anschließend tötete er seine Mutter in der elterlichen Wohnung und beging dort Suizid.



___ Unter der Friedensbrücke in Frankfurt erinnert ein 27 Meter langes Gedenk-Graffito an die Opfer des Anschlags in Hanau am 19.02.2020 | © Florian Gaul/imageBROKER/Süddeutsche Zeitung Photo

Nach Ermittlungen des Bundeskriminalamts und der Bundesanwaltschaft handelte der Täter aus rechtsextremen und rassistischen Motiven. Mitwisser*innen oder Mittäter*innen konnten nicht ermittelt werden. Im Juli 2021 wurde ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags eingesetzt, um das Verhalten der Sicherheitsbehörden in der Tatnacht zu untersuchen. Der Abschlussbericht vom Dezember 2023 benennt und bedauert Fehler der Sicherheitsbehörden, verneint aber, dass die Morde hätten verhindert werden können.



___ Foto: „Gedenken heißt Kämpfen“ – Erinnerung an den Anschlag von Hanau in München, 2024 | © leo.fge/SZ-Photo Video: ZDFheute Nachichten, Vier Jahre nach Hanau - die Angehörigen der Opfer kämpfen gegen das Vergessen, 19.02.2024 | © ZDF



Gleichwohl trug nicht zuletzt der Anschlag in Hanau dazu bei, dass die Bundesregierung im November 2020 ein umfangreiches Maßnahmenpaket gegen Rechtsextremismus und Rassismus verabschiedete.

Seit 2020 kämpft die zivilgesellschaftliche Initiative 19. Februar Hanau dafür, dass die Namen der Opfer und ihre Geschichten nicht vergessen werden und dass es nicht bei folgenloser Betroffenheit bleibt. Sie fordert politische Solidarität, Aufklärung und Sichtbarkeit ein.



__ Plakatmotiv der Initiative 19. Februar Hanau | © Initiative 19. Februar Hanau













Der Einsatz der Polizei und des SEK in der Tatnacht war unstrukturiert und chaotisch. Der Notruf 110 war zeitweise nicht erreichbar. Der Notausgang in der Arena Bar, einem der Tatorte, war vermutlich mit Wissen der Polizei dauerhaft verriegelt gewesen, so dass eine Flucht durch die Hintertür unmöglich war. Es dauerte fünf Stunden bis zur Stürmung des Wohnhauses des Täters, so dass dieser hätte entkommen können.

Hass auf jüdische Menschen

Antisemitismus und Hass auf das Judentum sind zentrale Elemente der rechtsextremen Weltanschauung. Rechtsterrorist*innen zielen mit ihren Taten und ihrer Propaganda darauf ab, jüdisches Leben zu diffamieren, auszugrenzen oder gar auszulöschen. Sie hängen antisemitischen Verschwörungstheorien an und verbreiten diese. Darin wird behauptet, dass jüdische Menschen die Welt insgeheim beherrschen und kontrollieren würden. Jüdinnen*Juden werden auf diese Weise für alle Probleme in der Welt verantwortlich gemacht.

Rechtsterrorismus wendet sich gegen die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Kultur der Erinnerung an die Opfer der Shoah. Indem der Massenmord an den europäischen Jüdinnen*Juden geleugnet oder verharmlost wird, sollen Schuld und Verantwortung abgewehrt werden. Hass auf jüdische Menschen, Einrichtungen und auf den Staat Israel wird zunehmend auch auf Onlineplattformen verbreitet und trägt zur Radikalisierung des politischen Klimas bei.

27. Oktober 2018, Pittsburgh

Attentat auf die Tree-of-Life-Synagoge

Am Morgen des 27. Oktober 2018 erschoss der 46-jährige Täter in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh, Pennsylvania (USA), elf Menschen und verletzte sechs schwer:

Joyce Fienberg, Richard Gottfried, Rose Mallinger, Jerry Rabinowitz, Cecil Rosenthal, David Rosenthal, Bernice Simon, Sylvan Simon, Daniel Stein, Melvin Wax, Irving Younger

Es war der bis dahin gravierendste antisemitische Gewaltakt in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Die elf Todesopfer hatten sich zum Schabbat-Gottesdienst versammelt. Unter den Verletzten waren vier Polizist*innen, die versucht hatten, den Attentäter zu stoppen. Nach einem Schusswechsel ergab sich der Täter. Im August 2023 wurde er zum Tode verurteilt.



___ Gedenktafeln vor der Tree-of-Life-Synagoge, Pittsburgh, 30.10.2018 | Wikimedia Commons, gemeinfrei









Auch der Täter von Pittsburgh hatte sich offenbar online in sozialen Netzwerken radikalisiert. Dort verbreitete er rassistische, neonazistische Inhalte und antisemitische Verschwörungstheorien.

Gezielt nutzen rechtsextreme Akteur*innen, Organisationen oder Parteien Plattformen wie TikTok und Instagram, um junge Menschen mit ihrer menschenfeindlichen Ideologie zu erreichen, Desinformation und Fake News zu verbreiten.

Wo soll ich hingehen? Ich habe keinen Menschen. Das Altersheim, das da brennt, war meine Welt.

Eine Überlebende am 13. Februar 1970

























___ Das brennende jüdische Gemeindehaus in der Reichenbachstraße, München, 1970 | © picture-alliance/dpa/Gerhard Rauchwetter

13. Februar 1970, München

Anschlag auf das Wohnheim der Jüdischen Gemeinde

In den Abendstunden des 13. Februar 1970 legte eine unbekannte Person im Treppenhaus des Gemeindezentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern in der Reichenbachstraße Feuer.

Regina Rivka Becher, Max Meir Blum, Leopold Arie Leib Gimpel, David Jakubowicz, Siegfried Offenbacher, Georg Eljakim Pfau und Rosa Drucker – viele von ihnen Holocaust-Überlebende – starben in den Flammen oder bei dem Versuch, sich durch einen Sprung in die Tiefe vor dem Feuer zu retten.



__ Ein ausgebranntes Zimmer im Wohnheim der Jüdischen Gemeinde, 1970 | © picture alliance / dpa | Joachim Barfknecht

Der oder die bis heute nicht ermittelten Täter steckten das hölzerne Treppenhaus in Brand. Dieses führte in die oberen Stockwerke, die als Wohnheim genutzt wurden. Das Feuer breitete sich rasend schnell über das gesamte Gebäude aus und machte eine Flucht über das Treppenhaus unmöglich. Im Hinterhof des Anwesens befand sich damals auch die Synagoge der Kultusgemeinde.

Der Anschlag löste in der ganzen Bundesrepublik große Betroffenheit, Trauer und Empörung aus und hatte einschneidende Folgen für die jüdischen Gemeinden: Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen, ständige Überwachung und ein Leben mit der Angst.



Die Tat konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Ob der oder die Täter*innen aus dem rechts- oder linksextremistischen Spektrum stammten, ist nach wie vor unklar. Dies zeigt, wie verbreitet antisemitisches Denken und antisemitische Hasskriminalität bis hin zu Gewalt auch nach 1945 geblieben sind – und das quer durch die Gesellschaft.













9. Oktober 2019, Halle

Anschlag auf die Synagoge

An Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versuchte ein Rechtsterrorist mit selbst gefertigten Waffen und Sprengsätzen in die Synagoge in Halle an der Saale einzudringen, um die dort versammelte jüdische Gemeinde zu ermorden.

Da es ihm nicht gelang, in die Synagoge einzudringen, suchte der Attentäter andere Opfer: die 40-jährige Passantin Jana L. und im nahegelegenen Kiez-Döner den 20-jährigen Gast Kevin S. Der Täter handelte aus antisemitischen, rassistischen und frauenfeindlichen Motiven.



___ Jana L. liebte Schlager und kannte viele Showgrößen in der deutschen Schlagerwelt persönlich. Kevin S. war Fan des Fußballclubs Hallescher FC. Ihre beiden so unterschiedlichen Fanclubs erinnerten mit dieser Karte gemeinsam an Jana und Kevin, Halle (Saale), 2019 | © Jüdische Gemeinde zu Halle

In einem vor der Tat veröffentlichten Text legte er seine verschwörungstheoretischen Überzeugungen dar und erklärte sich zum Kämpfer in einem ‚Rassenkrieg‘.

Der Prozess gegen den Täter war das bis dahin größte Strafverfahren in Sachsen-Anhalt. An 25 Prozesstagen wurden 79 Zeug*innen und 15 Sachverständige befragt. Die Nebenklage umfasste 45 Überlebende und Hinterbliebene, die von 23 Anwält*innen vertreten wurden. Am 21. Dezember 2020 verurteilte ihn das Oberlandesgericht Naumburg wegen zweifachen Mordes, 68-fachen Mordversuchs und Volksverhetzung zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.



___ Einschusslöcher in der Synagogentür von Halle. Seit 2020 ist die Tür Teil eines Mahnmals im Innenhof der Synagoge. | © picture-alliance











Der Attentäter von Halle wollte mit seiner Tat den einige Monate zuvor verübten Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch kopieren: Auch er übertrug seine Tat live im Internet und inszenierte sie wie ein Computerspiel. Seit den 2000er Jahren hat sich eine eigenständige rechte Subkultur im Internet entwickelt, die sich eigener Codes, Bilder, Memes und Sprache bedient. Rechtsextreme vernetzen, radikalisieren und organisieren sich in Imageboards wie 8chan oder 4chan.



Kampf um Anerkennung

Über Jahrzehnte reagierten Politik, Behörden und Medien auf den organisierten Rechtsterrorismus oftmals mit Hilflosigkeit, Zögerlichkeit oder einer gezielten Abwehr des Themas.

Lange Zeit konzentrierte man sich vor allem auf die Täter*innen, die nicht selten als „Einzeltäter“ klassifiziert wurden – mit weitreichenden Folgen für die von rechtsterroristischer Gewalt Betroffenen. Erst in der Folge der Aufdeckung des Nationalsozialistischen Untergrund und der jüngsten Anschläge in München, Halle und Hanau beginnt sich diese Wahrnehmung allmählich zu ändern.

Dass zunehmend auch die Perspektive derer Gehör findet, auf die Rechtsterrorist*innen mit ihren Taten abzielen, ist das Verdienst der Überlebenden und Angehörigen von Opfern rechtsextremer Gewalt.

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